Denken über die Zukunft

Ein Symposium mit:
Hoimar von Ditfurth, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Hans Jonas, Hannes Keller,
Hansjürg Mey, Eduard Pestel, Karl Popper, Walther Ch. Zimmerli
Gesprächsleitung: Franz Kreuzer






Inhaltsverzeichnis:

Vorwort des Veranstalters


Karl Popper ist als Mensch und Denker eines meiner grossen Vorbilder, zusammen mit Sokrates und Immanuel Kant. Über viele Jahre hinweg schrieb ich in Gedanken und manchmal auf Papier Briefe an Karl Popper, freilich ohne jemals einen davon auch wirklich abzusenden. Schliesslich habe ich dann doch einen dieser Briefe abgeschickt. Er wurde zum Ausgangspunkt dieses Symposiums.
Friedrich Dürrenmatt bezeichnet sich als «Drauflosdenker». Das gefällt mir sehr. Nichts ist faszinierender als das gedankliche Erforschen einer neuen Einsicht. Am liebsten vergleiche ich meine Art zu denken mit «Pilzesuchen im Wald»: fröhlich pfeifend, die Hände im Hosensack, durch den Wald streunen. Wichtig ist dabei, eher in dunklen Zonen am Boden zu suchen als am hellen Himmel. Mit der Zeit habe ich mir zur Stimulation des Denkens eine Vielfalt von Methoden zugelegt. Intensives, langsam brütendes Lesen gehört dazu - von einer Informationsflut halte ich demgegenüber gar nichts. Im Gegenteil finde ich, dass ein gewisses Mass von Ignoranz dem Erfolg äusserst förderlich ist. Kolumbus trat seine Reise deswegen an, weil er sich auf die falsche Berechnung des Erdumfanges durch Poseidonios (135-51 v.Chr.) stützte statt auf die richtige des Eratosthenes (ca.200v.Chr.). Er erwartete achttausend Kilometer Seeweg statt siebzehntausend. Der «Zufall Amerika» rettete ihn und seine Geldgeber.
Das beste jedoch ist, einem der grossen Könner des Denkens beim Vortrag zuzuhören und mitzuerleben, wie er Gedanken entwickelt und Beziehungen formuliert. Solche Erlebnisse des Denkens schwebten mir vor, als ich den Plan eines Symposiums über das Thema «Zukunft» hegte. Ich erwartete weder die Prognose von zukünftigen Ereignissen noch die Erarbeitung von Massnahmen, die den sehr realen Bedrohungen unserer Zukunft entgegenwirken könnten.

Das Thema war «der über seine Zukunft nachdenkende Mensch».
Es ergab sich folgendes Konzept von Themen und Referenten:
«Über die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis»: Hoimar von Ditfurth, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Karl Popper und Hannes Keller. «Über das Verhältnis des Menschen zur Technik»: Hansjürg Mey, Walther Zimmerli und Hannes Keller.
«Über Ethik im technischen Zeitalter»: Hans Jonas.
«Über die Grenzen des Wachstums, über Politik und Ökonomie»: Eduard Pestel.
Bewusst verzichteten wir auf mehrere sehr wichtige Themen in der Absicht, diese bei späteren Symposien qualifiziert zu behandeln:
  • der Krieg, heute die Bedrohung allen Lebens,
  • die Beziehung des westlichen Denkens zur Zukunft der Dritten Welt,
  • die grüne Frage.
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mich unter die Referenten zu mischen. «Berufsphilosoph» war und ist mein Traumberuf. Ich glaube jedoch, dass neue Einsichten im Erlebnis des Alltags (wie immer er sei) gewonnen werden. Wobei dieser Alltag auch in der Lektüre von Büchern erlebbar ist. Die Kunst des philosophischen Denkens schafft keine neuen Informationen, sie kann einzig und allein dazu dienen, Erkenntnisse besser zu formulieren. Genauso kann die Mathematik über die Welt nichts aussagen. Sie ist eine Formulierhilfe für Systeme der naturwissenschaftlichen Erkenntnis - nicht mehr und nicht weniger. Letztlich ist sie also tautologisch. Demzufolge hoffe ich, dass meine Alltagserfahrungen als Mathematiker, Meeresforscher, Unternehmer, Programmierer usw. die versäumte philosophische Lektüre irgendwie aufwiegen. Zudem rechne ich fest auf eine gewisse Nachsicht des geneigten Lesers. So, wie ich mir vorstelle, dass Paul Bocuse den Apfelkuchen seiner Tante Frieda geniesst. Insbesondere bin ich in meinem Vortrag inkonsequent im Umgang mit den fachphilosophischen Begriffen «Wahrheit, Vernunft und Erkenntnis». In der Presse wurde die Veranstaltung der manifesten Frauenfeindlichkeit geziehen, weil zufällig keine der von mir eingeladenen Referentinnen an diesen beiden Tagen abkömmlich war. Die Zumutung, jemanden (oder muss ich je-frau-den schreiben?) als Alibi-Frau zu entwürdigen, war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ich möchte hiermit ganz klar zum Ausdruck bringen, dass ich das Erstarken des Feminismus als ein grosses Glück für die Menschheit empfinde.
Ich glaube, dass ich seit dem Symposium über Dinge nachdenke und Sachverhalte zu verstehen beginne, die mir vorher nie so richtig klar geworden waren. Viele Gespräche zeigten, dass es auch anderen Menschen so ergangen ist - insbesondere hat Michael Ringier dann den Wunsch geäussert, dieses Buch herauszugeben. Wir würden uns freuen, wenn es uns gelingen könnte, unser Erlebnis hiermit weiterzugeben.

Zürich, im Januar 1986     HANNES KELLER

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